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Marie kommt heim

Marie wuchs in den 1960-er Jahren in einem Wallfahrtsort auf. Ihre Mutter stammte aus einer Pilgerherberge. Ihr Leben kreiste um den Glauben, woran auch ihr Gatte nichts ändern konnte. Er war der erste Mann, der sich um sie bemühte und ihre erste Leidenschaft, die sie jedoch - mangels Aufklärung - überforderte und sich in Prüderie verwandelte. Nähe und Körperlichkeit erschreckten sie so sehr, dass sie sie fortan unterdrückte. Kein Wunder, dass das Verhältnis zu ihrer Tochter ambivalent bleib. Herzenswärme erfuhr Marie nur von ihrem Vater, der jedoch unerwartet starb. Achtjährig wurde Marie Halbwaise; noch am Sterbebett der Mutter spürt sie die Lücke, die er einst hinterließ. Kein Wunder, dass Marie nur einen Wunsch hatte: Weg von zu Hause, und zwar so bald und weit wie möglich. Das setzte sie in die Tat um und ist doch nicht glücklich dabei.

Ständig plagt sie das schlechte Gewissen, ihre Mutter nicht häufiger zu besuchen. Männern gegenüber verhält sie sich naiv und unemanzipiert. Keiner liebt sie so uneingeschränkt, wie es ihr Vater tat. Nach einer weiteren Enttäuschung beschließt sie, keine intensiven Gefühlsäußerungen mehr zuzulassen. Das ist kein Rückzug in eine religiös motivierte Prüderie wie bei ihrer Mutter, sondern ein Leben in Balance. Oder eines am Rande der Eintönigkeit, in das die Nachricht platzte, die Mutter liege im Sterben. 

Widerwillig macht sich Marie auf den Weg nach Hause. Wobei Zuhause metaphorisch zu verstehen ist. Maries Elternhaus wurde verkauft, die Mutter lebt in einem Pflegeheim, ist verwirrt und nur bedingt ansprechbar. Dennoch kommt Marie heim. Auf dem Sterbebett lernt sie ihre Mutter neu kennen, fragt sich, wer und wie sie wohl früher war. Der Inhalt eines Kartons, den ihr eine Pflegekraft in die Hände drückte, gibt Aufschluss darüber. Und Marie stellt sich die Frage

"welchen Anteil hatte die Mutter selbst, so voller Schuldgefühle, die es nicht gewagt hatte, ihnen ihr Innerstes zu offenbaren? Die in ihrer Rüstung aus Konvention, Schuld und Pflichtgefühl gefangen gewesen war, ohne eine Chance zu sehen, sich daraus zu befreien? Wie nahm ein Kind eine Person wahr, die zwar nicht log, aber doch die Wahrheit mied, deren tiefsitzende Ängste spürbar waren und die doch so tat, als habe sie alles im Griff?" (S. 260)

Diese Fragestellung lässt sich nicht nur bei streng katholischen Familien anwenden. Parallelen finden sich auch bei anderen Glaubensrichtungen oder überall dort, wo Schweigen und Verschweigen die Atmosphäre prägen. Marie hat sie gerade noch rechtzeitig durchbrochen. Eine Aufgabe bleibt ihr dennoch: Ihr eigenes Leben. 

Eine Empfehlung von Barbara Knieling

Roman, Edition Klöpfer
Einband: Halbleinen
EAN: 9783520763013
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